Die Arbeitsgruppe "Demokratie für Kuba" wurde 2003 in Berlin gegründet.Wir setzen uns für die Freilassung der politischen Gefangenen und für die Unterstützung der kubanischen Opposition ein.
http://verbindung-ostberlin-havanna.blogspot.de/
http://lektueren-gegen-das-vergessen.blogspot.de/
http://havana-berlin-connection.blogspot.de/
http://stasi-minint.blogspot.de/
Christliche Befreiungsbewegung /Movimiento Cristiano Liberación

"Fidel Castro hat die Revolution getötet!"IGFM-Interview

"Fidel Castro hat die Revolution getötet!"


IGFM-Interview mit Jorge García Vazquez 

Interviewer: Haakon Spriewald, IGFM
12. April 2011







Jorge García Vázquez wurde 1959 in Havanna, Kuba, geboren. Nach Hochschulabschluss ging er 1980 als Dolmetscher für kubanische Vertragsarbeiter in die DDR. Da der kubanische Geheimdienst ihn als Informant für die Bewachung seiner Klienten anwerben wollte, nahm er Kontakt mit der amerikanischen Botschaft auf. Das führte 1987 zu seiner Verhaftung durch die Staatssicherheit der DDR und Einweisung in die zentrale Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen.

Nach einer Woche wurde er nach Kuba abgeschoben, wo er ebenfalls vorübergehend in Untersuchungshaft kam. Nach seiner Freilassung war er weiterhin den Unterdrückungs- und Beschattungsmechanismen der kubanischen Staatssicherheit ausgesetzt.  Nach einem 5 Jahre andauernden Ausreiseverbot konnte er 1992 schließlich nach Deutschland ausreisen. Seitdem lebt Herr García Vazquez in Berlin und ist als freier Journalist und Fremdenführer(Besucherreferent) in der Gefängnis-Gedenkstätte "Berlin-Hohenschönhausen" tätig.

Wegen seiner Forschungsarbeiten zu den Verbindungen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR mit der kubanischen Staatssicherheit gilt er als anerkannter Experte für diesen Bereich.

Dies und die Lage in seinem Heimatland Kuba waren Schwerpunkt des Interviews, das die IGFM am 12.04.2011 mit Herrn García Vazquez führte.


"Überwachungssystem in Kuba ist inzwischen einmalig in Lateinamerika"







Jorge García Vázquez mit dem Auszug aus seiner DDR-Stasi-Akte 

Jorge García Vázquez als Fremdenführer in der Gefängnis-Gedenkstätte "Berlin-Hohenschönhausen". Auf dem Bild: Im Dezember 2010 führte er durch das ehemalige DDR-Stasi-Gefängnis Gäste der IGFM - eine Gruppe kürzlich aus der Haft freigelassener und ins Ausland abgeschobener politischer Gefangener aus Kuba.

HS: Herr Vazquez, welche Beziehungen hatte die DDR-Staatssicherheit zum kubanischen Geheimdienst?


JV: Der kubanische Geheimdienst wurde von Anfang an von der Stasi aufgebaut. Mitte der 60er Jahre kamen ehemalige Stasiagenten nach Kuba: Fachleute, Techniker und Offiziere. Sowohl die Abhör-, Überwachungs- und Vernehmungsmethoden als auch die ganze Technik wie Kameras, Mikrofone und Wanzen kamen aus Ost-Berlin. Beide Geheimdienste pflegten eine systematische und enge Zusammenarbeit. Es gab richtige Arbeitsverträge und sie haben sich einmal im Monat oder alle paar Wochen getroffen, um zu entscheiden: Wie machen wir weiter? Es ging von Anfang an um die systematische Liquidierung der Opposition in Kuba und in der DDR. Sogar die sogenannte "operative Psychologie" hat die kubanische Staatssicherheit übernommen. Es war eine sehr intensive Zusammenarbeit.


HS: Man kann also mit Recht behaupten, dass die Stasi der DDR der Mentor der kubanischen Staatssicherheit war?


JV: Die Akten, die wir gefunden(eingesehen) haben, sprechen für sich. Wir haben tausende von Dokumenten, wo dies bestätigt wird.


HS: Herr Vazquez sie befanden sich einige Tage  in der DDR so auch in Kuba im Gefängnis. Haben Sie persönlich Parallelen feststellen können?


JV: Auf alle Fälle! Sagen wir es so, bei den Methoden ja, bei den Haftbedingungen nein. Letztere waren in den kubanischen Gefängnissen schlimmer. Sie waren katastrophal und sind es heute immer noch. Aber die Vernehmungsmethoden, die Schikanen, die Drohungen, die Desinformation und die Durchsuchungen - das alles war wie in der DDR. Das habe ich in Kuba sofort wiedererkannt.


HS: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Anhänger und Repräsentanten der Kubanisch-Deutschen-Freundschaftsgesellschaft oder "Cuba Si" das Castro-Regime verherrlichen bzw. verklären?


JV: Ich bin enttäuscht. Als ich angefangen habe, die kubanische Opposition zu unterstützen, war ich wütend, aber jetzt bin ich nur noch enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass sich so viele Demokraten in Deutschland einfach passiv verhalten. Es ist traurig, dass nicht mehr deutsche Politiker - die Demokraten in Deutschland - solche Castro-Sympathisanten kritisieren.


HS: Es ist oft zu hören, dass kubanische Ärzte sehr gut qualifiziert sind und werden von der staatlichen Propaganda auch im Ausland immer wieder angepriesen. Wie würden Sie die Situation der medizinischen Versorgung der kubanischen Gesellschaft beschreiben?


JV: Nach den Informationen, die ich von Freunden aus Kuba bekomme, sind die kubanischen Mediziner nicht mehr so gut qualifiziert wie noch vor 20 Jahren. Viele hochqualifizierte Professoren und Doktoren haben das Land verlassen, um woanders zu arbeiten und mehr zu verdienen. Es fehlen uns die Fachkräfte in Kuba.


HS: Dennoch "exportiert" das kubanische Regime seine Ärzte, zum Beispiel nach Venezuela, um im Austausch billiger an Erdöl zu gelangen. Wie stehen Sie zu dieser Art Export?


JV: Das, was die Castro-Brüder machen, ist Menschenhandel! Es hat nichts mit Hilfe oder Solidarität zu tun. Natürlich wird in Venezuela armen Menschen geholfen und das finde ich generell auch richtig. Aber wenn in Kuba selbst diese Fachkräfte fehlen und ein Kubaner z.B. 6 Monate lang auf eine Augenoperation warten muss, weil Castro mehr Erdöl bekommen will, dann ist das eine Schande. Ich denke schon, dass man helfen und solidarisch sein sollte, aber man muss wissen, wo die Grenzen sind. Die Castro-Brüder verkaufen diese Leute schlichtweg.


HS: Die Glorifizierung der kubanischen Revolution und des Guerillakrieges hat zu einem sehr starken Führerkult bzw. zu einer Militarisierung der gesamten Gesellschaft geführt. Wie äußert sich das heutzutage auf Kuba?


JV: Das ist sehr kompliziert. Ich bin persönlich seit vielen Jahren nicht mehr in Kuba gewesen. Was ich jedoch von den Exilkubanern erfahren kann ist, dass die meisten Kubaner momentan andere Probleme haben, als die Revolution zu glorifizieren. Das ist zwar in den Köpfen von einigen, aber ich glaube, die meisten Kubaner denken jetzt an etwas anderes: Wie überlebe ich den Tag? Wie kaufe ich mir und meinen Kindern etwas zu essen? Wann kann ich auch endlich einmal reisen? Wann kann ich weggehen? Die meisten Kubaner wollen heute Demokratie, Freiheit und Menschenrechte. Die Glorifizierung spielt jetzt keine große Rolle mehr?


HS: ... in der Gesellschaft?


JV: ... in der kubanischen Gesellschaft. Außerhalb Kubas, z.B. in Lateinamerika und Europa, gibt es Länder, in denen Fidel Castro glorifiziert wird. Für mich ist das ein Armutszeugnis. Viele europäische und lateinamerikanische Intellektuelle glorifizieren nicht eine Revolution, sondern eine Diktatur. In Kuba gibt es keine Revolution mehr, sondern eine Diktatur. Das ist zwar eine bittere Wahrheit, aber es ist so. Ich glaube, viele denken immer noch, das alles sei eine Revolution. Die Revolution ist tot. Fidel Castro hat die Revolution getötet, weil er sie nicht mehr wollte. Er wollte eine Diktatur. Die eigentliche Revolution wurde von einer Diktatur aufgefressen.


HS: Woher nehmen Sie die Motivation, hier in Deutschland aktiv Aufklärung zu betreiben?


JV: Ich gehöre zu den Zeitzeugen, zu den Menschen, die auf Kuba und in der DDR persönlich gelitten haben. Dass die ehemalige DDR eine Diktatur war, wird heute oft ignoriert. Wenn wir das aber zulassen, dann verdrängen wir auch die kubanische Diktatur. Ich glaube, ich versuche eine Diktatur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wahrheit verpflichtet! Die Menschen sollen wissen: Das hat unser Staat gemacht und dasselbe passiert heute noch auf Kuba.


HS: Herr Vazquez, wie sehen sie die Chance auf eine positive Veränderung des politischen Systems, während die Castro-Brüder noch an der Macht sind? Wie wird es weiter gehen?


JV: Die Castro-Brüder haben in der Armee und der Staatssicherheit ihre Macht manifestiert. Derartige Machtstrukturen sind schwer zu beseitigen. Sie haben die absolute Macht. Ich bin ganz ehrlich: Meiner Meinung nach werden Reformen erst stattfinden können, wenn Fidel Castro stirbt - die biologische Lösung. Das habe ich schon 2003 in einem Interview mit der IGFM gesagt und dabei bleibe ich.

HS: Und was ist mit Raul?
JV: Ich weiß es nicht, aber ich denke schon, dass Fidel Castros Tod zu einer gewissen Öffnung führen wird. Raul Castro könnte das Land nicht mehr alleine regieren. Er kann lediglich mitregieren, weil Fidel Castro noch am Leben ist. Das ist alles. Die Opposition ist jetzt schon sehr stark. Die Dissidenten werden immer mehr, vor allem unter der jungen Generation. Aber die Repression ist in den Machtstrukturen verfestigt. Dieses Überwachungssystem in Kuba ist inzwischen einmalig in Lateinamerika.


HS: Glauben Sie, dass es nach einem Umschwung zu einem Problem mit der großen Anzahl von Kubanern kommen wird, die aus dem Exil zurückkehren werden?

JV: Klar wird es Probleme geben, aber ich sehe darin kein großes Problem. Exilkubaner, die ihr Haus und ihre Heimat verloren haben, wollen es natürlich zurück. Das ist nicht verwerflich, sondern menschlich. Dennoch glaube ich, dass die Kubaner sich untereinander verständigen werden und diese Dinge untereinander lösen können.
HS: Sie sind also optimistisch?
JV: Ich bleibe optimistisch, ja!
http://www.igfm.de/Fidel-Castro-hat-die-Revolution-getoetet.2919.0.html

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.